E-Sport – zukünftig eine Disziplin der Olympischen Spiele?

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Ende Oktober 2017 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) anlässlich des Olympischen Gipfels in Lausanne seine Absicht bekannt gegeben, über die Aufnahme von E-Sport in das Programm der Olympischen Spiele zu entscheiden. E-Sport – eine Welt der Controller und Bildschirme, in der Investitionen ebenso wichtig sind wie im Fussball.

Lange Zeit wurde «Gaming» als Kinderspiel angesehen, was zu einer gewissen Marginalisierung führte. Heute füllen E-Sport-Wettbewerbe Fußballstadien und werden von Millionen von Zuschauern gesehen. Videospiel-Turniere entwickeln sich genau wie andere Sportdisziplinen. Die Meisterschaften sind nach einem Modell des «Franchise- und Teambuildings» strukturiert. Die Wettkämpfe werden zwischen Teams gespielt, die aus fünf Spielern bestehen. Im Finale lockt ein beachtliches Preisgeld. Eine Teilnahme in der Overwatch League kostet beispielsweise mindestens $ 20 Millionen. Am Ende der Saison erhält das Siegerteam eine Million Dollar und maximal 3,5 Millionen, wenn alle Einsätze gewonnen wurden. In der ersten Turnierwoche folgten rund 10 Millionen Zuschauer auf allen Streaming-Plattformen dem Verlauf des Wettbewerbs.

Um die Entwicklung dieses Gaming-Universums und die des lokalen und globalen Markts besser zu verstehen, haben wir uns an zwei Schweizer Spezialisten im Bereich E-Sport gewandt.

Cédric Schlosser, Gründer und Direktor von MYI Entertainment

Cédric Schlosser, ist Gründer und Direktor von MYI Entertainment, ein Schweizer Kompetenzzentrum im E-Sport mit drei Geschäftsbereichen. MYI Entertainment begleitet Unternehmen, die in den E-Sport einsteigen wollen. Sie trainieren und rekrutieren professionelle Spieler und schliesslich organisieren sie Turniere in der Schweiz. Im Moment besteht das Team aus fünf Mitarbeitern, 25 Schweizer Profispielern und fünf Nationalspielern. Seit 2016 ist MYI Entertainment professionell organisiert und kann sich so als Referenz in der Schweiz positionieren.

Laut Cédric Schlosser, Gründer und Direktor von MYI Entertainment, wächst der E-Sport-Markt jedes Jahr international überproportional. In der Tat investieren Unternehmen und Sponsoren wie im Fussball stark in Wettbewerbe und bieten eine gewisse Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit für Turniere wie im Fussball. Süsswarenhersteller wie Snickers und Pringles, deutsche Autohersteller und Unternehmen wie McDonald’s und Gillette haben das Potenzial von Videospiel-Turnieren mit riesigen Investitionen genutzt, ebenso Technologieunternehmen.

In der Schweiz ist die Situation anders. Der heimische Markt verzeichnet zwar ein gesundes organisches Wachstum, bleibt aber auf bescheidenem Niveau. Die Investitionen kommen hauptsächlich von Sponsoren und nicht von privaten Investoren. «Nationale Turnierübertragungen erzeugen ein paar Hundert Views», sagt Cédric Schlosser. Momentan sei es für Spieler schwierig, vom E-Sport zu leben.

Wenn die Zahlen vernünftig sind, wird der Raum für Verbesserungen interessant. Im vergangenen Jahr haben die Unternehmen UPC und Swisscom deshalb zusammen die Entwicklung des E-Sports beschleunigt, indem sie Plattformen geschaffen haben, um die Gemeinschaft zusammenzubringen.

Basierend auf den Zahlen von Twitch, einer Plattform für das Streaming von Videospiel-Turnieren, werden monatlich etwa 800’000 Geräte mit der Website verbunden. Diese beeindruckende Zahl zeigt die Schweizer Begeisterung für E-Sport. «Wenn sich die Schweizer in unseren Kanälen und Netzwerken für elektronischen Sport begeistern würden, würde der Markt wachsen», so Schlosser. «Um seine Sichtbarkeit des Sports zu erhöhen, brauchen wir einen Federer des E-Sports, einen talentierten Spieler, der Meinungen und Sponsoren einbringen kann. »

Yann Beaud, Mitglied des Verwaltungsrats des Schweizerischen e-Sports Verbandes (SeSF)

Yann Beaud vergleicht Videospiele gerne mit Schach und Schiessen. Ihm zufolge ist der Sport eher eine regelmässige und intensive Übung als eine körperliche Aktivität. «Ausserdem beinhaltet E-Sport ein echtes ganztägiges Training», so Yann Beaud. Viel Disziplin ist notwendig, denn eine Pause kann den schnellen Abstieg in der Weltrangliste auslösen. Er bekräftigt damit die Aussage des IOC vom vergangenen Oktober, dass Spieler, die E-Sport praktizieren, sich mit einer Intensität vorbereiten und trainieren, die mit der von Athleten in anderen traditionellen Sportarten vergleichbar ist. Yann Beaud ergänzt: «Unternehmen beginnen, E-Sport intern zu nutzen, um die strategischen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter zu entwickeln.»

Vor diesem Hintergrund sieht das SeSF-Vorstandsmitglied eine vielversprechende Zukunft für den E-Sport. «Die Medien werden gezwungen sein, sich inhaltlich zu erneuern, wenn sie nicht völlig von den Online-Kanälen ausländischer Unternehmen überrollt werden wollen.» Deshalb wäre es nicht verwunderlich, wenn E-Sport-Events bei RTS (Radio Télévision Suisse) ausgestrahlt würden.

Vor allem da die Schweiz, selbst wenn sie nur eine kleine Rolle im E-Sport spielt, interessante Vorteile in der Organisation von Events hat. «Wir würden gerne internationale Finalrunden in der Schweiz organisieren», sagt Yann Beaud. Diese würden 15’000 bis 20’000 Gäste bringen, die für die Wettbewerbe anreisen. «Die Messung der Rentabilität eines solchen Ereignisses impliziert natürlich die Berücksichtigung seiner direkten und indirekten Kosten», meint Yann Beaud. Aber eine solche Veranstaltung würde der Schweiz auf der internationalen Bühne Sichtbarkeit verschaffen. «Und warum sollte man sich nicht vorstellen, dass der Internationale Verband für E-Sport (IeSF) eines Tages in der Schweiz leben wird?», fragt der jungen Mann zum Abschluss.

Interview Cédric Schlosser
Interview Yann Beaud

Tiago Pires
Tiago Pires

Journaliste RP & Senior Consultant RP chez Elitia Communication