Holz im Hochhausbau

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Holz im Hausbau: ein Werkstoff, der ganz stark mit Emotionen verbunden ist und unmittelbar das Kino im Kopf startet: Chalets, Bauern- und Blockhäuser ziehen vorbei… Seit 2015 sind in der Schweiz selbst Hochhäuser mit Holzbauteilen zugelassen und in Risch Rotkreuz im Kanton Zug entsteht das erste Objekt.

Auf dem Areal «Suurstoffi» in Risch Rotkreuz wächst derzeit Stück um Stück ein neues Quartier, das Wohnen, Arbeiten und Freizeitaktivitäten miteinander vereint und im Endausbau Raum für 1500 Bewohnerinnen und Bewohner und über 2500 Arbeitsplätze bietet. Zudem werden in der «Suurstoffi» rund 2000 Studierende der Hochschule Luzern und Schüler unterrichtet. Verantwortlich für die Entwicklung dies zehn Hektaren grossen Quartiers ist die Zug Estates Gruppe. Auf dem direkt an der Bahnlinie gelegenen Baufeld entsteht nun ein Bürogebäude in einer Holz-Beton-Verbundkonstruktion. Mit zehn Geschossen über Terrain ist der Bürobau das erste Holz-Hochhaus der Schweiz. Die Baufertigstellung ist für 2018 geplant – das Biotechnologieunternehmen Amgen verlagert dann seinen europäischen Hauptsitz in die «Suurstoffi».

Entwicklung mit starken Zuwachsraten

Der Holzbau hat sich nach langer Einschränkung durch die Brandschutzvorschriften vor rund zehn Jahren den Zugang zum Bau grosser Volumen erschlossen. Seither entwickelt sich das neue Segment des mehrgeschossigen Holzbaus mit starken Zuwachsraten. Jedes Jahr entstehen mittlerweile rund 500 Mehrfamilienhäuser mit Holz, oft in gemischter Bauweise. Mit dem Holzbau hat die Bauherrin Zug Estates AG bereits bei verschiedenen Bauprojekten gute Erfahrungen gemacht. 2010 wurde mit dem Hotel City Garden in Zug das erste viergeschossige Holzhotel der Schweiz eröffnet. Auf dem nördlichen Arealteil der «Suurstoffi» entstanden von 2013 bis 2014 neun Gebäude mit insgesamt 156 Wohneinheiten im Holzelement- sowie im Holz-Hybridbau.

Konsequente Planung in höchster Präzision

Die Anforderungen für den jetzt entstehenden Holz-Zehngeschosser sind hoch. Ein enger Terminplan zwingt zu konsequenter Planung in höchster Präzision, wofür der Holzbau prädestiniert ist. Die gewählte Holz-Beton-Verbundkonstruktion erlaubt eine um vier bis sechs Monate verkürzte Bauzeit, da die einzelnen Elemente im Werk einschliesslich Heiz-, Kühl- und Lüftungskomponenten vorgefertigt werden können.

«Eine unserer Auflagen war, dass die Planer mit Building Information Modeling (BIM) arbeiten», sagt Kim Riese, Leiter Entwicklung & Bauprojekte bei Zug Estates. Im Holzbau sind solche digitalen Planungs- und Prozessketten üblich. Dies begünstigt laut Riese die bekanntermassen kurzen Bauzeiten und die hohe Termintreue des Holzbaus. Im Vergleich zum Massivbau ergäben sich keine höheren Erstellungskosten.

Schweizer Brandschutzvorschriften benachteiligen Holz nicht mehr

Die bauliche Anwendung von Holz war in der Schweiz lange Zeit vom Brandschutz her eingeschränkt. Bis Ende 2004 waren mit Holz nicht mehr als zwei Geschosse plus Dachausbau erlaubt, was zur Folge hatte, dass zumeist nur Einfamilienhäuser und Kleinbauten aus Holz entstanden. Um diese Sackgasse zu öffnen, baute die Lignum, die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft, zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt BAFU ab 2001 in einem breit angelegten, national und international abgestützten Verbund das Grossprojekt ‹Brandsicherheit und Holzbau› auf. Es sollte das Brandverhalten von Holz im mehrgeschossigen Bauen erforschen und im Hinblick auf die Anwendung des Materials in diesem Massstab Konzepte für brandsichere Konstruktionen und Bauteile entwickeln. Eingebunden waren dabei alle massgeblichen Partner im In- und Ausland: in der Schweiz unter anderem die ETH Zürich, die Berner Fachhochschule Architektur, Holz und Bau in Biel, die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen VKF, der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA, die Empa Dübendorf sowie Unternehmen der Holz- und Zulieferindustrie. Im Ausland zählten die MFPA Leipzig, die TUs Braunschweig und München, Holzforschung Austria und Wood Focus Oy (Helsinki) dazu.

 

Aufgrund der Forschungsergebnisse liessen die Brandschutzvorschriften der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen VKF ab 2005 in der Schweiz Holzbauten neu bis sechs Geschosse zu. Eingeschränkt blieb jedoch die Holzanwendung in bestimmten Nutzungen mit grosser Personenbelegung wie zum Beispiel sogenannte Beherbergungsbetrieben. In den Jahren darauf stieg der Anteil der baubewilligten Tragkonstruktionen aus Holz im Mehrfamilienhausneubau steil von praktisch null auf heute rund 6% an. Sechs Geschosse mit Holz sind im Zuge dieser Entwicklung im urbanen Raum praktisch Standard der Holzanwendung geworden.

Die aktuelle, seit 2015 geltende Vorschriftengeneration der Schweizer Brandschutzvorschriften VKF beseitigt aufgrund der positiven Erfahrungen in den letzten zehn Jahren die noch bestehenden Einschränkungen für die Holzanwendung. Bis zu einer Gesamthöhe von 30 Metern können unter den jetzt geltenden Vorschriften Wohn-, Büro- und Schulhäuser, Industrie- und Gewerbebauten, Beherbergungsbetriebe oder etwa Verkaufsgeschäfte im Holzbau realisiert werden. Selbst bei Hochhäusern ist die Anwendung von tragenden und brandabschnittsbildenden Holzbauteilen mit brennbaren Anteilen unter bestimmten Rahmenbedingungen neu möglich. Holz ist unter den Brandschutzvorschriften 2015 als Baustoff ohne Sonderregelung eingeteilt. Mit der Baubewilligung für den zehngeschossigen Bürobau im Suurstoffi-Areal betritt das Baumaterial Holz erstmals in der Schweiz die Hochhaus-Arena.

Wettrennen um das höchste Holzgebäude

Nicht nur in der Schweiz, sondern auch international ist ein regelrechtes Wettrennen um das höchste Holzgebäude im Gange. In der norwegischen Stadt Bergen ist vor Weihnachten 2015 das derzeit höchste Holz-Wohnhaus Europas mit Namen ‹Treet› (Baum)  nach 15 Monaten Bauzeit ab Fundament eingeweiht worden. 51 Meter hoch, zählt es 14 Geschosse. Gleich zehn Geschosse mehr als der Norweger ‹Baum› wird das Holz-Hochhaus ‹HoHo Wien› aufweisen. Das 84 Meter hohe Gebäude entsteht demnächst in der Seestadt Aspern im Norden der österreichischen Hauptstadt. Die Baubewilligung ist bereits erteilt.

Viele Städte Europas testen die Möglichkeiten des Baustoffs Holz aus, um sich für ein nachhaltiges Wachstum des urbanen Raumes zu rüsten. Dazu gehört neben der Verdichtung des Bestandes, zum Beispiel über Aufstockungen, auch der Schritt in neue Dimensionen. Bereits länger realisiert sind die vier neunstöckigen Holztürme der Via Cenni in Mailand , der achtgeschossige Dornbirner «Life Cycle Tower»  oder die Berliner Projekte «E3»  und «C13».
Derzeitiger Weltrekordhalter im Bauen mit Holz für Wohnzwecke ist das kanadische Vancouver. Dort feierte das 18-geschossige Studentenwohnheim der University of British Columbia, sogenannt «UBC Brock Commons» nach einer Bauzeit von nur drei Monaten am 10. August 2016 Aufrichte.

Lignum, Holzwirtschaft Schweiz ist die Dachorganisation der Schweizer Wald- und Holzwirtschaft. Sie vereinigt sämtliche wichtigen Verbände und Organisationen der Holzkette, Institutionen aus Forschung und Lehre, öffentliche Körperschaften sowie eine grosse Zahl von Architekten und Ingenieuren. Dazu treten zwei Dutzend regionale Arbeitsgemeinschaften. Lignum vertritt in allen Landesteilen der Schweiz eine Branche mit rund 80‘000 Arbeitsplätzen von der Waldwirtschaft über Sägerei und Holzwerkstoffproduktion, Handel, Zimmerei, Schreinerei und Möbelproduktion bis zum Endverbraucher von Holz.

Stephanie Steinmann
Stephanie Steinmann

als freischaffende Bloggerin in Männedorf ZH tätig