«Ich werde nicht Google dadurch, dass ich eine Rutschbahn kaufe»

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«Arbeiten in der Zukunft – in Immobilien von Gestern» – das 18. Symposium der Group of Fifteen im Technopark Zürich vom 25. Januar 2017.

Die Arbeitswelt verändert sich rasant und mit ihr die Anforderungen an die Arbeitsumgebung. Für Peter Staub, Präsident der Group of Fifteen, eine extrem spannende und herausfordernde Phase. Ganz im Trend der Zeit hat der Geschäftsführer der pom+Consulting AG sein eigenes Büro per Anfang 2017 aufgegeben und setzt sich somit auch ganz persönlich mit neuen Arbeitsformen auseinander.

«Alle sprechen von Digitalisierung, aber nicht alle wissen, damit richtig umzugehen», führte Rainer Maria Salzgeber in das Symposium ein. Doch wie findet man den richtigen Umgang mit Digitalisierung? Die einzelnen Referate im Überblick:

Organisations- und Arbeitsmodelle in der digitalen Gesellschaft

Für Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie im Departement Management, Technology, and Economics der ETH Zürich, sind Infrastrukturen und Arbeitsumgebungen ganz klar Ausdruck von Kultur. Das wichtigste sei, wie Unternehmen in diesem Prozess mit dem Thema Arbeitsumgebung umgehen würden, so Grote. «Ich werde nicht Google dadurch, dass ich mir eine Rutschbahn kaufe. Das Gedankengut muss stimmen.» Um Raum für Identität und Individualität zu schaffen, brauche es mehr als offene und geschlossene Zonen mit einem Standardset an Mobiliar. «Der eine braucht die Zimmerpflanze und jemand anders braucht seine Musik auf dem Laptop und schon stimmt es für ihn.» Homeoffice, Coworking oder Büro? In der Diskussion zwischen Integration und Separation sei es für Menschen sehr wichtig, die Kontrolle darüber zu haben, wie sie es haben möchten. Für Grote haben Immobilien als Ausdruck von Führung und Status ausgedient, wenn wir diesen Prozess wirklich ernst nehmen. «Keine eigenen Arbeitsplätze mehr ist nur glaubwürdig, wenn Chefs das auch machen. Führung und Status finden ihren Ausdruck in Wissen und der Fähigkeit ein Coach zu sein und Entscheidungen zu treffen. Erst dann kann der Kulturwechsel ernst genommen werden», so Grote.

Transformation der Arbeit – Auswirkungen auf Infrastrukturen

Für Prof. Dr.-Ing. Prof. e. h. Wilhelm Bauer, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart, sind Daten der Gegenstand der Arbeit der Zukunft und das werde auf der Baustelle nicht anders sein. «Wir befinden uns heute in der zweiten Welle der Digitalisierung. Die reale Welt wird digitalisiert», so Bauer. In den nächsten zehn Jahren würden überdies drei weitere Trends die Entwicklung dominieren: das IOT (Internet of Things), Cognitive (denkende Computer) und Blockchain (Transaktionslogik). Diese Entwicklungen würden in jeden Bereich unseres Lebens einfliessen, die sogenannte «connected world» komme überall an. Es werde auch für die Immobilienindustrie die Frage sein, wie man ein Gebäude als Plattform so intelligent machen kann, dass es zukünftig für alle möglichen Bedürfnisse offen steht. Ob die klassischen Immobilienunternehmen ihre starke Position halten können, ist für Bauer noch offen. Sie stehen in Konkurrenz zu den «Internetcompanies». Für die Zukunft prognostiziert Bauer, dass Gebäude ohne Connectivity, Breitbandanschluss usw. gar nicht mehr vermarktbar seien. Durch die Verkürzung der Nutzungszyklen von Infrastrukturen werden Gebäude, die für dreissig Jahre und länger gebaut werden, ebenfalls nicht mehr marktfähig sein.

Praxisbeispiel: Wettbewerbsfähig in Hochlohnländern!

Dr. Michael Reinhard, Mitglied der Konzernleitung und Leiter Operations, Geberit International AG, sieht in der ganzen Roboterisierung ein enormes Potenzial, glaubt aber, dass das Internet und die Digitalisierung an ganz anderer Stelle revolutionär sein werden, nämlich bei den Geschäftsmodellen. «Wir leisten uns den Luxus, das Technologiezentrum in Rapperswil/Jona anzusiedeln und weiter auszubauen, weil wir einfach mit den Ergebnissen zufrieden sind und wir tun dies in einem Industriedenkmal, also in einer Immobilie, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie schmal, alt und lang ist», so Reinhard und fügt an: «Aber mit der richtigen Unternehmenskultur können Sie immer erfolgreich sein, egal in welcher Immobilie.» Damit die Schweiz auch als Hochlohnland weiterhin ein attraktiver Standort bleibt: «Infrastruktur und Ausbildung müssen einfach top sein, sonst geht das mit den sieben Mal höheren Kosten einfach nicht auf», weiss Reinhard.

Praxisbeispiel Detailhandel Schweiz – Eine Branche im Umbruch

«Wir haben hier den Konsumenten von Morgen und die Detailhandelsflächen von gestern.», ist Marcel Stoffel, Inhaber stoffelzurich, überzeugt. Der Detailhandel müsse viel mehr so denken wie seine Kunden und die wollen Service, Dienstleistung und Unterhaltung. «Heute stehen wir an einem Punkt, wo der Umsatz nicht mehr kommt. Wir haben in Shoppingcentren 25 Prozent zu viel Verkaufsfläche bei sinkender Nachfrage», so Stoffel und fügt hinzu: «Heute haben wir in der Schweiz 189 Shoppingcenter, durchschnittlich 28 Jahre alt und in der Regel noch nie revitalisiert, weder baulich noch vom Angebotsmix her.»

Für die Eigentümer von Retailflächen, insbesondere von Shoppingcentren, heisst das Umnutzen, von Retail in Gastronomie, von Retail in Kino. «Das geht ins Geld. Sie investieren und werden schlussendlich weniger Mietzins-Einnahmen haben als heute mit dem Retail. Aber das ist ein Umdenken, das stattfinden muss», ist Stoffel überzeugt.

Workplacemanagement – Im Büro zu Hause?

«Die Arbeitskräfte der Zukunft sind mobil und ortsungebunden, selbstständig, immer öfter im Homeoffice tätig. Wie erkläre ich meinem Verwaltungsrat die Investitionen in die eigenen Arbeitsplätze, wenn die vom Aussterben bedroht sind?», fragt Werner Zecchino, Founder und Partner von emineo AG. Betriebskosten und Effizienz stehen beim Thema Workplacemanagement für Werner Zecchino bei emineo weniger im Vordergrund. Dafür die Frage, wie er eine optimale Arbeitsumgebung für sein Team, das Softwarelösungen entwickelt, bereitstellen kann. Doch was hat sich für Werner Zecchino, der sich in früheren Jahren bei einem global tätigen Unternehmen um das Workplacemanagement kümmerte, verändert? «Die technischen Herausforderungen wurden reduziert.» Werner Zecchino glaubt nicht, dass das Büro aussterben wird. «Im Mittelpunkt steht der Mensch, seine Bedürfnisse und wie er arbeitet», so Werner Zecchino.

«Die Politik kann es nicht» – Podiumsdiskussion

Wie ticken die Politik, die Industrie, der Dienstleistungssektor und die Sharing Economy, wenn es um das Thema Digitalisierung und Immobilien geht? Rainer Maria Salzgeber fühlte den Podiumsteilnehmer auf den Zahn: «Im Zentrum der Wirtschaft stehen nicht die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden, sondern die Kunden», meinte Nationalrat Hermann Hess, VRP und Inhaber der Hess Investment Gruppe Amriswil. Dr. Christoph Lindenmeyer, Präsident des Verwaltungsrates Schindler Managment AG zur Roboterisierung der Industrie: «Irgendwo gibt es immer diese Verbindung Mensch-Maschine. Die bisher stark manuell geprägten Arbeiten, beispielsweise eine Polymechanikers, werden zukünftig wesentlich anspruchsvoller werden.» Ricarda Berg, Geschäftsführerin, Treos AG, einem Facility-Management-Dienstleister, ist überzeugt: «Es wird zwar einen gewissen Automatisierungsgrad geben, aber der Facility Manager wird auch in Zukunft immer noch vor Ort präsent sein.» Niels Rot, Mitgründer Impact Hub Zürich & Stride Learning sprach als jüngster Teilnehmer auf dem Podium über die Bedürfnisse der Generation Y: «Status ist der Generation Y weniger wichtig. Wichtiger ist, dass sie eine sinnvolle Tätigkeit ausüben, kreativ sein können und an der Arbeit Spass haben.» Christoph Lindenmeyer sieht global grosse Unterschiede zwischen den Menschen der einzelnen Nationen und hat den Eindruck, dass sich junge Menschen heute viel mehr für ihr Studium einsetzen würden. «Herrmann Hess erinnert an das Referat von Michael Reinhard, der eindrücklich dargelegt hatte, was in der Schweiz geleistet werden muss, damit sich die massiv höheren Kosten rechnen», und fügt an: «Mit weniger Arbeit ist noch nie einer wohlhabend geworden.» «Eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit und ein toller Arbeitsplatz sind schön und gut, aber was die Menschen am meisten motiviert, ist, wenn ihr Unternehmen Erfolg hat.» Auf die Frage nach den Wünschen der Wirtschaft an die Politik, sprach Christoph Lindenmeyer, die Arbeitszeiterfassung an, die er sehr bürokratisch findet. Für Hermann Hess, Unternehmer und Politiker, ist es wichtig, dass die Politik der Wirtschaft hinterherhinkt, weil die Politik es nicht könne und gibt als Beispiel die extrem langen Planungshorizonte an. Die Frage, ob der Industriestandort Schweiz denn gut unterwegs wäre, bejaht Christoph Lindenmeyer. «Eine starke Währung ist auch ein Zeichen einer starken Wirtschaft. Wir müssen schauen, dass wir in der Bildung und bei den Innovationen top bleiben, dann hat auch der Werkplatz Schweiz eine Zukunft.»

Noch lange diskutieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Foyer des Technoparks über die Digitalisierung im Immobilienbereich. Spannende neue Welt! Auf dem Weg dorthin braucht es – um es mit den Worten von Gudela Grote auszudrücken – noch viel Reflexion und Mut, Dinge auszuprobieren.

Die 2001 gegründete „Group of Fifteen“ hat sich zum Ziel gesetzt, eine interdisziplinäre, mittel- und langfristige Beurteilung der Immobilienwirtschaft zu fördern. Mitglieder sind ausgewählte führende Akteure der Immobilienbranche mit komplementären Kompetenzen und Interessen. Sie treffen sich mehrmals jährlich, um durch gezielte Information und Diskussion das gegenseitige Wissen zu nutzen und mit externen Fachleuten Themen gemeinsamen Interesses zu erörtern. Mit einem jährlich stattfindenden, hochkarätigen, öffentlichen Symposium stellt die Group of Fifteen zudem zukunftsweisende Themen zur Diskussion und vermittelt damit Impulse für die Schweizer Wirtschaft.

Stephanie Steinmann
Stephanie Steinmann

als freischaffende Bloggerin in Männedorf ZH tätig