Nicht ohne die Kunst!

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Noch nie war die Vielfalt der realisierten Projekte im Bereich Kunst und Bau grösser wie heute. Ob Klanginstallation, Stadtlounge oder Farbkonzept: Mit einer guten Projektkommunikation beflügeln sich Architektur und Kunst gegenseitig – so das Fazit der Expertinnen aus dem Kunstbereich.

Seit Jahrzehnten setzt sich der Schweizer Berufsverband visuelle Kunst, visarte, für Kunst und Bau und Kunst im öffentlichen Raum ein. Ihm ist es zuzuschreiben, dass seit 1950 ein Prozent der Bausumme von neuen Bauten des Bundes und teilweise auch von kantonalen Bauten für die künstlerische Gestaltung zur Verfügung gestellt wird. Mit dem im Jahr 2015 erstmals verliehen PRIX VISARTE stärkt der Verband die Wahrnehmung von künstlerischen Werken bei der Gestaltung von Bauten und öffentlichen Räumen. Auf der Website können zudem Kunst- und Bau-Projekte aus allen Landesteilen erfasst und vorgestellt werden.

Kennzahlen, die die Investitionen in den Bereich Bau und Kunst aufzeigen, gibt es keine. Gemäss der Einschätzung von Regine Helbling, Geschäftsführerin von visarte, hat zwar eine gewisse Verlagerung der Projekte von der öffentlichen Hand zu privaten Bauträgern stattgefunden. Diese können aber den Rückgang der Mittel aus öffentlicher Hand, der in den letzten Jahren zu beobachten war, nicht wettmachen. Anlass zur Freude hingegen geben ihr die Vielfalt und die Qualität der realisierten Projekte. Mit Genugtuung beobachtet sie auch die Wirkung der von ihrem Verband vorangetriebene Professionalisierung im Wettbewerbswesen und in der Zusammenarbeit mit Künstlern.

«Identitätstiftend»

Einen eigenständigen, regionalen und deshalb einzigartigen Ansatz verfolgt die Raiffeisen Gruppe, die in der Schweiz an 994 Orten und in allen Sprachregionen präsent ist. Die 292 rechtlich autonomen und genossenschaftlich organisierten Raiffeisenbanken sind in der Raiffeisen Schweiz Genossenschaft zusammengeschlossen.

Bei Kunst am Bau-Projekten in den einzelnen Raiffeisenbanken strebt die Raiffeisen Gruppe eine enge Verbindung mit der Architektur an. Berücksichtigt werden ausschliesslich regionale Künstler, die in einem Wettbewerb ausgewählt werden. Die Raiffeisenbanken entscheiden bei Umbau- und Neubauten selbst, ob sie die Unterstützung ihrer Dienstleistungszentrale in den Bereichen Architektur und Kunst nutzen wollen. So stossen Bauten und Werke – weil gewünscht – intern von Anfang an auf eine hohe Akzeptanz. Gleichzeitig werden regionale Künstler gefördert. «Nach Innen und Aussen stiften die Bau- und Kunstprojekte Identität und vermitteln Offenheit», so Donata Gianesi, verantwortlich für das Kunstengagement der Raiffeisen Gruppe.

Freie Wände sind oft Mangelware: Das branchenspezifische Arbeitsumfeld der Raiffeisenbanken mit verglasten Mehrpersonenbüros und Sitzungszimmern mit Wänden, die für Beamer-Präsentationen reserviert sind, erfordern ein pragmatisches Vorgehen. So entstehen beispielsweise Werke, die gleichzeitig auch die Funktion eines akustische Panels übernehmen.

Auch mit neuen Objekten setzt Raiffeisen immer wieder Zeichen. Beispielsweise mit einem Gebäude von Sollberger Bögli Architekten im französischsprachigen Berner Jura in Pierre Pertuis. Der Entwurf des Bieler Architekturbüros, das im Wettbewerb mit drei Pritzkerpreisträger den prestigeträchtigen Auftrag für den Bau des neuen Fussballstadions la Tuilière der Stadt Lausanne gewonnen hat, überzeugt mit einer ungewöhnlichen Fassadenlösung. Im Innern des Gebäudes, an einer grossen Wand im lichtdurchfluteten Atrium, akzentuiert eine künstlerische Intervention der Neuenburger Künstlerin Maude Schneider die Transparenz des Gebäudes. Das kreisrunde im Weiss der Mauern gehaltene Objekt erzeugt eine optische Täuschung und wirkt aus bestimmten Blickwinkeln als ob die Mauer atmen oder eine Blase erzeugen würde.

Zusammen mit der Stadt St. Gallen hatte die Raiffeisen Gruppe das Projekt Roter Platz von Pipilotti Rist und Carlos Martinez ermöglicht, das ein touristischer Anziehungspunkt geworden ist, vor allem aber zur Wiederbelebung des öffentlichen Raums im Quartier beigetragen hat. Für Donata Gianesi ist es jedenfalls immer ein besonderer Moment, wenn sie vom harten Asphalt auf den weichen, roten Tartanbelag des roten Platz wechselt. Ganz besonders gefällt ihr auch der ehemals düstere Durchgang, der vom Künstler Urs Burger in einen Lichtraum verwandelt wurde.

Eine andere Aufenthaltsqualität

Die Zürcher Künstlerin Garda Alexander ist überzeugt: Kunst am Bau schafft einen Mehrwert und ist am Arbeitsplatz eine Form der Anerkennung für die Mitarbeitenden – ob es sich nun um eine künstlerische Fragestellung oder ein rein ästhetisches Werk handelt.

Mit Ihren Farb- und Kunstkonzepten belebt sie Hotels oder macht aus einer Gebärstation einen Raum mit einer ganz neuen Aufenthaltsqualität. Ebenso ist sie für Wohnobjekte tätig. Als Künstlerin, die von ihrem Werk lebt, sind für sie Auftragsarbeiten aber auch immer wieder eine höchst willkommene Gelegenheit, an die sie mit dem gleichen Engagement wie an freie Arbeiten herangeht. «Das Werk gebe ich erst dann ab, wenn ich damit vollständig zufrieden bin», so Garda Alexander.

Zusammenarbeit als Schlüsselfaktor

Sowohl für Regine Helbling als auch für Donata Gianesi und Garda Alexander ist die von Projektbeginn an die Zusammenarbeit der wichtigste Faktor, damit Kunst und Bau sich optimal ergänzen, wobei für die Künstlerin Garda Alexander das Zwischenmenschliche genau so einen Stellenwert hat, wie die professionelle Zusammenarbeit.

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Stephanie Steinmann
Stephanie Steinmann

als freischaffende Bloggerin in Männedorf ZH tätig