Tiny House Immergrün: Fixkosten und oekologischer Fussabdruck wurden halbiert

Tiny Houses im Fokus: lifetimedesign.ch hat dazu mit Alesch Wenger und Florentina Gojani gesprochen. Alesch Wenger ist Architekt, Bauleiter und Vizepräsident des Vereins Kleinwohnformen Schweiz. Kleine Bauprojekte sind seine Leidenschaft und Kleinwohnformen seine Spezialität. Florentina Gojani ist Betriebsökonomin und Projektmanagerin.

Als Inhaber vom Kollektiv Winzig testet er zusammen mit Florentina Gojani das Tiny House Immergrün, welches sie gemeinsam Alesch Wenger entwickelt haben.

Lifetimedesign.ch: Alesch Wenger und Florentina Gojani wie sind Sie auf den Geschmack der kleinen Häuser gekommen?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Das Thema hat uns schon sehr früh interessiert. Es ist für uns eine logische Antwort auf die hohen Immobilienpreise und den Platzmangel in den Städten. Seit wir selber in einem Small House leben haben sich unsere Fixkosten halbiert, wir haben mehr Freizeit und die Freiheit, das zu tun, was wir gerne machen. Wir fühlen uns sehr wohl in unserem Tiny House. Sich aufs Wesentliche zu reduzieren/konzentrieren, gibt ein gutes Gefühl.

Lifetimedesign.ch: Wann ist ein kleines Haus ein Tiny House?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Ein Tiny House ist eine mobile Wohnform bis 40 m2 pro Wohneinheit. Mobil bedeutet verschiebbar und ist das Gegenteil einer Immobilie.

Lifetimedesign.ch: Wie ist die Tiny Houses Bewegung in der Schweiz entstanden?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Die Schweizer KWF-Bewegung hat vielfältige Ursprünge. Der Wunsch nach kleinem, mobilem Wohnen ist alles andere als neu. So haben seit Urzeiten Menschen in Jurten, Tipis, oder sonstigen Kleinwohnformen gelebt.

Seit einigen Jahren aber scheint sich ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und begrenzten Ressourcen zu etablieren.Im Zuge dieser Entwicklungen hat sich in den vergangenen 10 Jahren v.a. in den USA eine ausgeprägte Tiny-House-Bewegung formiert. Die Tiny Houses haben dort einen regelrechten Hype erfahren, da sie einen Gegenentwurf zur «Bigger-is-better»-Maxime des US-amerikanischen Lebensstils darstellen. In den USA sind Tiny Houses keine Seltenheit mehr.

Die Tiny-House-Bewegung der USA gründet also weniger auf der Idee, dass man sich Tiny Houses im Gegensatz zum ‘herkömmlichen’ Eigenheim finanziell noch leisten kann, sondern auf veränderten Wertvorstellungen, die durch die Finanzkrise allenfalls ausgelöst, sicher aber bestärkt wurden.

Ausgehend von den USA haben sich zahlreiche Menschen auf der ganzen Welt von den Tiny-House-Projekten der USA, die überdurchschnittlich oft online dokumentiert sind und auf Youtube zu bewundern sind, inspirieren lassen. In Deutschland, Frankreich und den Niederlanden sind die Tiny-House-Bewegungen schon ein paar Jahre früher ins Rollen gekommen als in der Schweiz.

Die Tiny Houses scheinen im Moment aber eine besondere Strahlkraft zu besitzen, weshalb die Kleinwohnform-Bewegung an neuem Schwung gewonnen hat und sehr viel breite Zustimmung geniesst.

Lifetimedesign.ch: Können wir in der Schweiz schon von einem Markt für Tiny Houses sprechen?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Ja, denn es gibt sowohl Anbieter wie auch eine Nachfrage.

Lifetimedesign.ch: Was sind die gesetzlichen Hürden bei der Planung einer Kleinbau-Wohnform?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: In der Schweiz gibt es noch keine einheitliche Bewilligungspraxis für Tiny Houses. Die einzig legale Lösung führt über ein Baugesuch.

Lifetimedesign.ch: Was müsste sich in diesem Bereich ändern?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Der Verein Kleinwohnformen strebt eine einfache und einheitliche Bewilligungspraxis f in der Schweiz an. Dies bedeutet: Eine entsprechende Regelung darf nicht zu aufwändig sein; der Aufwand soll höchstens mit einem herkömmlichen Baubewilligungsverfahren zu vergleichen sein.

Einfach bedeutet auch, dass eine entsprechende Regelung klar, eindeutig und verständlich sein soll. Eine entsprechende Regelung soll nicht von Gemeinde zu Gemeinde verschieden auszulegen sein. Unter Rechtssicherheit verstehen wir, dass man in der ganzen Schweiz oder zumindest in einem Kanton in jeder Gemeinde das gleiche, faire Verfahren durchlaufen kann, um eine Kleinwohnform bewilligen zu lassen. Individuelle, bilaterale Abkommen zwischen Kleinwohnform-Bewohnenden und Gemeindebehörden sollen der Vergangenheit angehören.

Lifetimedesign.ch: Was sind die ökologischen Vorteile dieser Kleinwohnform?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Kleinwohnformen sind in der Regel. ökologischer gebaut als herkömmliche Häuser. Sie verbrauchen weniger Ressourcen und Energie. Zudem sind sie platzsparende Eigenheime, versiegeln keinen Boden und nutzen oftmals innovative Technologie (Kreisläufe, Autarkie), um die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Anhand unserer persönlichen Erfahrungen mit dem Tiny House Immergrün können wir sagen, dass sich durch diese Wohnform unserer ökologischer Fussabdruck halbiert hat. Dies ist zu einem grossen Teil auf die Bauweise zurückzuführen. Aber auch in peripheren Bereichen wie Ernährung, Konsum und Transport haben wir unsere Gewohnheiten umgestellt. 

Lifetimedesign.ch: Was heisst ein Tiny House in Zahlen? Wie viel kostet ein Tiny House?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Wenn wir die reinen Beschaffungskosten anschauen: bei einem Anbieter aus Deutschland erhält man ab ca. Euro 90’000 ein qualitativ hochwertiges Tiny House. In der Schweiz muss man mit ca. Euro 120’000 rechnen. Je nachdem, ob das Tiny House stationär platziert ist oder ab und zu bewegt wird, fallen die Kosten für eine Wartung unterschiedlich aus. Wie bei einer Liegenschaft sind auch bei einem Tiny House periodisch Unterhaltsarbeiten erforderlich.

Lifetimedesign.ch: Vermissen Sie etwas, seid sie in einem Tiny House wohnen?

Alesch Wenger / Florentina Gojani: Ja, manchmal einen Backofen.

Immergrün

Seit Oktober 2018 testenAlesch Wenger und Florentina Gojani ihr Tiny House immergrün mit 12 m2 Wohnfläche in Zürich und halten folgendes fest:

  • 12m2  Wohnfläche für zwei Personen reichen gut aus. Man hat Platz zum Stehen, Gehen und Gemütlich zu sein.
  • Für ein Essen zu fünft bietet der Tisch genug Platz. Fondue zu sechst geht auch.
  • Durch den kompakten Raum ergibt sich eine effiziente Alltagsgestaltung – alles ist nahe beieinander!
  • Unser Hab und Gut konnten wir vollumfänglich mitnehmen. Es fehlt uns an nichts und im Keller hat es sogar noch Platz.
  • Unsere Fixkosten haben sich um 2/3 reduziert.
  • Und ja! Es ist warm, auch im tiefsten Winter

Verbrauch

 Alesch Wenger und Florentina Gojan können aus unserer praktischen Alltags-Erfahrung folgendes berichten: 

  • Wöchentlich benötigen sie 200 l Frischwasser – unser durchschnittlicher Wasserverbrauch in der alten Wohnform betrug gemeinsam 2000
  • Der Gasverbrauch beträgt ungefähr 30 kg monatlich in den Wintermonaten. Im Frühjahr und Sommer rechnen wir mit der Hälfte. Laut 2000-Watt Rechner haben wir unseren Primärenergieverbrauch um 90% gesenkt.
  • Die Solaranlage hat sogar in den kürzesten Tagen ausreichend Solarstrom produziert
  • 25 kWh monatlich sind genug für das Licht und das Laden der Geräte.
  • Das Haus ist damit alljährlich Stromautark
Stephanie Steinmann
Stephanie Steinmann

als freischaffende Bloggerin in Männedorf ZH tätig