Vom Lieblingsstück zum Hingucker

Simon Toblers Polsterei in Urnäsch ist nicht einfach nur eine Polsterei, sondern auch ein Paradebeispiel für zeitgemässes Schweizer Handwerk. lifetimedesign.ch zu Besuch in der Werkstatt Saienbrücke in Urnäsch im Appenzellerland.

Die Liegenschaft Saienbrücke bei Urnäsch hat eine bewegte Geschichte mit vielen Nutzungen hinter sich. Seit einigen Jahren ist sie der Lebensmittelpunkt und Arbeitsort von Simon Tobler, der hier eine kunsthandwerkliche Polsterei betreibt. Heutzutage gibt es nur noch wenige Polsterer in der Schweiz, die sich die Freiheit nehmen, mit viel persönlichem Einsatz und Leidenschaft so zu arbeiten wie zu alten Zeiten. Simon Tobler ist einer von ihnen.

Mit der industriellen Möbelproduktion schien auch das Polsterhandwerk keinen goldenen Boden mehr zu haben. Für diesen traditionellen Beruf gibt es denn heute keine dem Berufsbild des Polsterers gerecht werdende Ausbildung mehr. Dabei reicht das Metier bis in die Antike zurück.

Mit dem Shabby Chic und dem Mid-Century-Trend ist der Retro-Stil wieder ins Wohnzimmer zurückgekehrt und dementsprechend erobern sich Polsterer wie Simon Tobler mit traditionellem Know-how und frischem Design neue Marktnischen. «60% der Möbel, die zu mir in die Werkstatt kommen, sind antike Stücke und ca. 40% sind Designerstücke oder Möbel aus den 50er, 60er und 70er Jahre», so Simon Tobler. Seine Kunden werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf ihn aufmerksam. Der Kundenkreis ist bunt gemischt; hier findet sich vom Studenten bis zum Multimillionär alles. Simon Tobler ist aber auch gerne der Polsterer von Urnäsch, der eine Küchenbank neu bezieht oder ein Sofa «flickt».

Simon Tobler wendet traditionelle Methoden an und zeigt, dass es auch ohne Schaumstoff und Kleber geht. Der Arbeitsaufwand ist dadurch grösser. Der Sessel wird dafür aber mit natürlichen Materialien gepolstert und bleibt demnach auch länger in der Form. Bezugsstoffe bezieht er mehrheitlich oder wenn möglich aus Webereien, die nach einem ähnlichen Arbeitsethos arbeiten wie er. Sein Schwerpunkt sind sorgfältig entwickelte Stoffe in Muster und Material oder neu aufgelegte Archivstoffe, aus verschiedenen Ländern und Epochen. Die wenigsten Kunden wünschen sich einen Stoff welcher der Stilepoche des Möbels entspricht. Er verarbeitet daher eher klassische Stoffe oder benutzte Archivstoffe zum Beispiel aus der Epoche des Jugendstils. 

Das Neupolstern von antiken Polstermöbeln ist sein Kerngeschäft. Wenn Simon Tobler davon erzählt, ist schnell klar, dass hier seine wahre Passion liegt. Ein grosser Schritt zur Expertise war für ihn ein längerer Arbeitsaufenthalt bei einem erfahrenen Antikpolsterer in Freiburg im Breisgau. Dort verarbeitete er Berge von Rosshaar und vertiefte sein Know-how zu den  formästhetischen Gesichtspunkten der einzelnen Epochen und Länder. «Im allgemeinen polstern die Deutschen viel härter als beispielsweise die Franzosen», so Simon Tobler und fügt an: «Historische Polstermöbel werden entweder dem Bedürfnis des Kunden angepasst oder gemäss der Epoche unterschiedlich und stilgerecht gepolstert, ein Rokoko Möbel eher rund und opulent und ein Empire mit einer klaren Kantengebung.» Sehr gemütlich klingt die historische Polsterei nicht, aber Simon Tobler erinnert daran, dass die Möbel damals primär zu Repräsentationszwecken angeschafft wurden.

Neben aller Handwerkskunst immer auch den Bezug zu den Menschen und wie sie heute leben zu schaffen, ist Simon Tobler wichtig. Dazu dient in der Saienbrücke auch das kleine Café, dass er zusammen mit seiner Frau betreibt. Hier stehen verschieden gepolsterte Stühle zur Auswahl, wo seine Kunden gerne auch Probesitzen dürfen. Denn wer sitzt heutzutage noch vornehm auf der Stuhlkante, wie es früher zum guten Stil gehörte?

 

So ist es heute auch keine Seltenheit mehr, wenn von einem ursprünglichen Ensemble nur noch ein Stück behalten und neu gepolstert wird. Mit einem passenden Stoff von Simon Tobler wird daraus ein Hingucker. Eine gewisse Abnutzung gibt zwar in den meisten Fällen den Ausschlag für eine Neupolsterung. Dazu kommt vielfach auch eine starke Bindung zwischen dem Besitzer und seinem Polstermöbel. Seine Spezialisierung nennt Simon Tobler deshalb auch «Lieblingsstücke». Das darf auch ein Möbel sein, welches keinen grossen Wert hat, aber dem Besitzer über die Jahre ans Herz gewachsen ist.

Das wundervolle kleine Café «Saienbrücke», das sich im selben Gebäude gleich neben der Werkstatt befindet, ist nicht nur bei der einheimischen Bevölkerung beliebt. Kaum eröffnet, wurde es auch schon in den Führer «Die schönsten Cafés und Tea Rooms der Schweiz» des Schweizerischen Heimatschutzes aufgenommen. Das Café wird auch von Leuten frequentiert, die vor der Auftragsvergabe einen Augenschein in der Polsterei nehmen wollen.

Ist der erste Kontakt zwischen dem Polsterer und dem zukünftigen Kunden einmal hergestellt, offeriert Simon Tobler den Auftrag. Bei ihm gibt es keine Pauschalen, sondern er verrechnet neben dem Material seine Zeit. In jeder Offerte gibt es einen Maximalbetrag, der nie überschritten wird, auch wenn sein Aufwand höher war. Braucht Simon Tobler jedoch weniger Zeit als offeriert, verrechnet er einen tieferen Preis. Simon Toblers Auftragsbücher sind seit Beginn weg stets voll und deshalb gibt es immer eine Wartezeit von einigen Monaten, bis er einen Auftrag in Angriff nehmen kann. Gemäss seiner «Lieblingsstücke-Philosophie» lässt er die Besitzer regelmässig mit Fotos am Auftragsfortschritt teilhaben.

Als ersten Schritt bei einer Neupolsterung nimmt Simon Tobler in der Regel das alte Polster bis aufs Holz oder auf die letzte noch gut erhaltene Schicht weg. Dabei fällt ihm immer wieder auf, wie jeder Polsterer eine eigene Strategie verfolgt und demzufolge auch eine eigene Handschrift hat. Mogeln oder die Dinge beschleunigen, sind beim Polstern keine gute Idee. «Eine gute Polsterung hat eine sehr lange Lebensdauer », sagt der Fachmann und ist überzeugt, dass sich nicht sorgfältiges Arbeiten in irgendeiner Form zeigen wird.

Als Gebot der Stunde gilt – nicht nur bei Simon Tobler – die Rückbesinnung. Gearbeitet wird mit natürlichen Materialien und nach herkömmlichen Arbeitsweisen. Der Mehrwert entsteht in der Kombination  von echter Begeisterung für das Handwerk und Angeboten, die den Kunden am Arbeitsprozess teilhaben lassen. Mit diesem Erfolgsrezept erschliesst sich Simon Tobler Kunden mit einer Wertschätzung  für sein qualitativ hochwertiges Kunsthandwerk. Es gilt zu hoffen, dass dieses Modell auch in anderen Handwerkszweigen Nachahmer findet.

Mehr zu Simon Tobler und der Werkstatt Saienbrücke: www.saienbruecke.ch

Stephanie Steinmann
Stephanie Steinmann

als freischaffende Bloggerin in Männedorf ZH tätig